Sven Beckert "Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution" ist eine der wichtigsten neueren Pubikationen.

 

Vortrag von Rainer Land und Diskussion. 27. April 19:00 Uhr, Helle Panke, Kopenhagener Str. 9, 10437 Berlin 

 

 

Sven Beckert hat mit seinem Buch einen weitreichenden und neuen Ansatz zu unserem Verständnis des Kapitalismus vorgelegt. Das Besondere an diesem Buch ist in meinen Augen ein konsequent durchgehaltener evolutionstheoretischer Ansatz. Seine Thesen sind keine groß aufgezogenen spektakulären Botschaften, sondern akribisch, detailliert und gut begründet.

Von den ersten Ansätzen im 15. Jahrhundert bis zu den jüngsten Entwicklungen von Technologie (KI, Robotik, Digitalisierung), sozialen Verhältnissen (Ungleichheit, Ausbeutung, Wanderarbeiter in Kambodscha) und politischen Kämpfen (in der Ukraine, dem Irak und dem Sudan) beobachtet Beckert eine endlose und sich immer wieder erneuernde Dynamik. Die Verbindung von Kapital und Staat ist dafür unverzichtbar, es gibt keine staatsfreie Wirtschaft, immer konstituierten Politik und Staaten die Bewegung des Kapitals.

Und immer wieder kommt es zu revolutionären technologischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, zum Aufschwung und zu Krisen, die Millionen Menschenleben verelenden, wieder aufrichten und erneut zerstören. Und immer wieder arbeitet sich die globale wirtschaftliche Entwicklung auf neuen Pfaden aus Krisen heraus, generiert neue Krisen, erneuert den Aufschwung und gebiert neue Revolutionen. Der Klassenkampf der Gewerkschaften und progressiver politischer Bewegungen konnte zeitweilig soziale Fortschritte durchsetzen: steigende Löhne, Sozialstaat, nordischen Sozialismus. Die „goldenen Jahre“ von 1948 bis 1973, für Thomas Piketty eine Ausnahme, verbesserten in den entwickelten Industrieländern die Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter, der Bevölkerung insgesamt. Sie brachten Erleichterungen und Fortschritte auch in der kolonialisierten „dritten Welt“. Aber seit den 1980er Jahren setzte sich mit dem Neoliberalismus eine Verstärkung der Ausbeutung und eine wieder zunehmende Ungleichheit durch. Die Entwicklungsländer sind mit Verschuldung, zunehmender Abhängigkeit, Bürgerkriegen und auch mit militärischen Regimewechsel-Attacken und Kriegen kapitalistischer Imperien konfrontiert. Die Zeiten sozialen Aufstiegs auf kapitalistischer Grundlage scheinen vorbei. Auch im Westen „Zeiten des abnehmenden Lichts“.

Immer wieder wurde das Ende des Kapitalismus prognostiziert. Tatsächlich ist er nicht untergegangen, stattdessen er hat er sich jedes Mal gewandelt und ist geblieben, was er von an Anfang an war: ein Wirtschaftssystem, dass durch „vernetzte Verschiedenheit“ und aneinander anschließende Zyklen von Innovationen, sozialen Umbrüchen und immer wieder erneuerter Kapitalverwertung eine anscheinend endlose Entwicklung generierte – auf dem Rücken der Bevölkerungsmehrheit in der Welt.

Wird der Kapitalismus enden, wie Marx prognostizierte, viele Theoretiker glauben und antikapitalistisch orientierte Aktivisten hoffen? Auch Sven Beckert erkennt den gegenwärtigen Niedergang des Neoliberalismus und erwartet ein Ende dieser historisch abgewirtschafteten Variante des Kapitalismus der 1990er bis 2020er Jahre. „Alles was einen Anfang hat, hat auch ein Ende“ (Matrix III). Aber kann man eine sozialistische „Erlösung“ erhoffen?

Ziemlich sicher wird es eine neue Variante von Kapitalismus geben, aber wir wissen nicht, wie sie aussehen wird. Wird es mehr oder weniger Spielräume für sozialen Fortschritt geben? Ist das Ende demokratischer Regierungssysteme zu befürchten? Werden wir den Untergang in einem Atomkrieg oder den schleichenden Niedergang in einer ökologischen Krise abwenden können?

Auf diese Fragen kann Sven Beckert keine Antwort geben, der spekulative Blick in die Zukunft ist seine Sache nicht. Niemand kann es wissen. Aber mit seiner evolutionstheoretisch inspirierten Darstellung können wir aus der Geschichte erkennen, dass die künftige Entwicklung von Menschen gestaltet wird, von sozialen Bewegungen und Kräfteverhältnissen abhängt.

 

Video mit Beckert

 

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Der Vortrag von Rainer Land gibt einen Überblick über wichtige Einsichten und Prämissen von Beckerts dickem Buch. Damit verbunden ist das Angebot zu einem weitergehenden Studium. Der Lese- und Diskussionskreis wird folgende Themen umfassen:

 

Teil 1: Evolutionen. Ohne Ende. Der Unterschied wirtschaftlicher Entwicklung in vorkapitalistischen und der kapitalistischen Produktionsweise. Die besondere Rückkopplung, durch die Kapitalverwertung eine endogene Dynamik wirtschaftlicher Entwicklung generiert. Was eigentlich ist Kapitalismus?

Teil 2: Der Industriekapitalismus und sein Hinterland. Kolonialismus und die Kommodifizierung der Arbeit. Innovation oder Akkumulation? Die Gemeingüterproduktion im Kapitalismus.

Teil 3: Die goldenen Jahre (1937/1948 bis 1973) und ihr Ende. Warum ist der zunächst so erfolgreiche Teilhabekapitalismus (Wohlfahrtskapitalismus, Sozialstaatskapitalismus) zu Grunde gegangen?
Was war sein Prinzip? Fordistische Massenproduktion führt zu steigende Löhnen, diese zu steigender Nachfrage, diese wieder zu steigender Produktivität (Skaleneffekte), daher zu wiederum steigender Nachfrage und wieder zu steigenden Löhnen. Dabei steigen auch die Sozialtransfers. Das Ganze sollte (könnte) ein endloser Kreislauf steigenden Wohnstands werden. Schließlich hätte man in diese Dynamik auch die Lösung der ökologischen Frage einbinden können: Innovationen, die zu offenen und geschlossenen Stoffkreisläufen und Energie ohne CO2-Emissionen führen würden: Ökokapitalismus.
Aber in den 1970er/1980er Jahren ging diese progressive Phase des Kapitalismus zu Ende. Seitdem bleiben die Löhne dramatisch hinter der Produktivität zurück (in Deutschland kumulativ 25 Prozent) und der Kapitalismus suchte Rettung in der neoliberalen Globalisierung sinkender Löhne und in den spekulativen Gewinnen der Finanzmärkte: keine nachhaltige Lösung. Man sucht wieder Konfrontation, Krieg und Aufrüstung.

Teil 4: Der Ritt auf dem Tiger: der Neoliberalismus und das Ende des Regulationssystems der Finanzmärkte und der Globalisierung (seit etwa 2012).

Teil 5: Die Zukunft mit oder ohne Kapitalismus. Was einen Anfang hat, das hat auch ein Ende. Das Drama der verfehlten (Nicht)-Umstellung auf eine ökologische Produktionsweise. Ist im Kapitalismus eine ökologische Wirtschaftsweise, ein Ökokapitalismus, denkbar?

Termine für den Lese- und Diskussionskreis sind ab September angedacht (14-tägig) und werden ab Juni bekanntgegeben. Teilnehmer werden per E-Mail und über diese Website eingeladen. Wir bitten Interessenten, sich zu melden.

Rainer Land: web@rla-texte.de
https://www.rla-texte.de/

 

 

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